JURI RYTCHEU
Die Reise der Anna Odinzowa

„Was wissen Sie über die Tschuktschen ?“. Wenn auf diese Frage gähnende Leere in Ihrem Kopf herrscht, ist es an der Zeit für die Bücher von Juri Rytcheu im Unions Verlag. Eines, das Neueste, möchte ich näher vorstellen, obwohl die Auswahl schwerfällt, und es sich empfiehlt alle sieben lieferbaren zu lesen.
Anna Odinzowa, eine junge, russische Ethnografin hat einen Traum: Sie möchte ebenso berühmt und angesehen sein, wie ihr großes Vorbild Margaret Mead. Um ihren Forschungen über die Tschuktschen, ein den Inuit verwandtes Volk in Sibirien, größere Authentizität zu verleihen, heiratet Sie einen jungen Tschuktschen. Sie bringt ihn, der eigentlich auf dem Weg nach Russland war, um eine höhere Schule zu besuchen, dazu, mit ihr zu seiner Familie zurückzukehren. Es ist die Zeit der Zwangskollektivierung durch die Russen, der sich besonders die Familienoberhäupter, die größere Rentierherden ihr Eigen nennen, widersetzen. Auch die Sippe in der Anna nun lebt, flieht vor der aufgezwungenen Kolchose in die weite Tundra. Auf diesem Weg durch die eisigen Weiten verschmilzt Anna immer mehr mit Ihrer neuen „ Familie“ und Ihre ethnografischen Forschungen treten in den Hintergrund, doch die Verfolger sind dicht hinter Ihnen...
Rytcheu weiß wovon er spricht. Er ist der einzige außerhalb Sibiriens bekanntgewordene Schriftsteller seines Volkes. So sind auch seine Bücher geprägt von der Lebenswelt seiner tschuktschischen Herkunft. Sein Erzählstil liegt in der Tradition des mündlichen Weitergebens und kann ohne Weiteres einige durchlesene Nächte fordern.

Susanne Petzel
Buchladen Land in Sicht

Unions Verlag 2002
UT 230
ISBN: 3-293-20230-6
Preis: EURO 9,90

MICHAEL ONDAATJE
Anils Geist

Anil Tissera, forensische Pathologin mit Wurzeln in Sri Lanka, kehrt nach langen Jahren die sie in Europa und USA gelebt, geliebt und gearbeitet hat, in ihr Geburtsland zurück. Anlass ist der Auftrag einer Menschenrechtskommission, für die Sie die Verbrechen der Bürgerkriegsparteien, speziell der Regierung, untersuchen, und wenn möglich, beweisen soll. Sie und ihr srilankischer Kollege Sarath stoßen während dieser Reise durch ein zerrissenes Land ,auf eine Leiche in einer Höhle, die eindeutig jünger ist,als ihre Schicksalsgenossen. Von da an stellt der fast unmögliche Versuch dem Toten seine Identität zurückzugeben, die einzige Chance dar, einen stellvertretenden Beweis für zahllose Verbrechen zu erbringen.
Michael Ondaatjes Wurzeln liegen ebenfalls in Sri Lanka, das wird von der ersten Seite an spürbar. Er muß den Bürgerkrieg nicht bis ins Letzte analysieren und beschreiben um ihn die Szenerie beherrschen zu lassen. Dieser Umstand gibt ihm die Chance sich ganz seinen Figuren zu widmen. Anil und Sarath, aber auch den Menschen die ihren Weg kreuzen: Gamini, der Arzt der im Akkord und unter völliger Selbstaufgabe Körper zusammenflickt, der blinde Gelehrte Palipana, der die Gegenwart aus den Zeugnissen der Vergangenheit liest, oder Ananda, der Maler, der berechtigt ist die Augen des Buddha zu malen, und dessen Frau spurlos verschwand. Es sind alltägliche Menschen, getrieben durch die Umstände, und dadurch doch außergewöhnlich. Es ist Ondaatje gelungen ein Buch von tiefer menschlicher Moral zu schreiben, ohne den kleinsten Versuch zu belehren. Alles was die/der LeserIn aus dem Buch mitnimmt – und das ist sehr, sehr viel – wird sie/er selbst erspürt haben.

Susanne Petzel
Buchladen Land in Sicht

Deutscher Taschenbuch Verlag 2002
dtv 12928
ISBN: 3-423-12928-X
Preis: EURO 9,50

BORGER & STRAUB
Kleine Schwester

Lilly, gerade zwölf Jahre alt geworden, sitzt im Vernehmungszimmer einer Polizeiwache und schweigt beharrlich. Sie weiß nicht ob und wann sie ihre Eltern - Ela und Carl - wiedersehen wird. Sie fühlt sich schuldig und zugleich erleichtert, denn sie hat den Brief geschrieben, der zu ihrer Verhaftung geführt hat. Sie hatte keinen anderen Ausweg mehr gesehen, es ging um Leben und Tod.
Die hartnäckigen Fragen der vernehmenden Polizeibeamtin treiben sie immer tiefer zurück in ihre Erinnerungen. Erinnerungen an die Zeit vor zwei Jahren, als alles begann und sie, Ela Carl und Lilly, eine glückliche Familie zu sein schienen. Der perfekten Idylle fehlte - nach Elas Meinung - nur noch ein zweites Kind. Als alle Versuche ein eigenes Kind zu bekommen scheiterten, wuchs sich Elas Verlangen zu einer fixen Idee aus, durch die ihr Familienleben massiv bedroht war. Die Idee ein Pflegekind aufzunehmen, verhieß dann aber doch noch die Erfüllung aller Wünsche.
Als alle formalen Hürden genommen waren, war es dann soweit: die fünfjährige Dagmar - schnell in Lotta umbenannt - konnte abgeholt werden. Doch Lotta entpuppt sich als „schwieriges“ Kind, das weder den Wunschvorstellungen entspricht, noch vorzeigbar ist. Was als Erfüllung eines Traumes begann, wuchs sich für alle Beteiligten zum Alptraum aus...
Dem Autorinnenduo Borger und Straub ist es gelungen das heikle Thema Kindesmißhandlung in einem spannenden, doch niemals reißerischen Roman zu verarbeiten. Lillys authentisch wirkende Stimme, die mehr oder minder hilflos zwischen dem Abgleiten ihrer Mutter und der Schwäche ihres Vaters gefangen ist, hallt noch lange nach. Die Brüche und Risse in einer Familienidylle deren Fassade um jeden Preis aufrecht erhalten wird, eine Fassade unter der Abgründe unmenschlichen Verhaltens lauern, werden aufgezeigt, ohne eine moralische Wertung vorwegzunehmen.
Ein Buch das unter die Haut geht.

Susanne Petzel
Buchladen Land in Sicht

Diogenes Verlag 2002
ISBN: 3-257-06317-2
Preis: EURO 17,90 Leinen

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